Montag, September 17, 2007

Eine kleine Weltreise

Zu einer der ersten Berlin-Erfahrungen von Zugezogenen gehört die Erkenntnis, dass Berlin - anders als andere Auch-Großstädte, erst recht als beschauliche Universitätsstädtchen - recht weitläufig ist. Da verschlägt es Eine/n mitunter in Gegenden, die auch eingeborene BerlinerInnen nie zuvor in ihrem Leben betreten haben oder werden. Das merkt man spätestens dann, wenn man auf die Frage nach der X-Straße oder dem Y-Platz von UrberlinerInnen ein wortloses Schulterzucken oder ein herzliches "Weeß ick nich, bin nich von hier." erntet. Mein Großvater pflegte immer zu sagen, Berlin besteht aus mehreren kleinen Dörfern. Daher rührt auch der bisweilen provinzielle Charakter der BerlinerInnen, trotz Metropolenarroganz.

So begab es sich, dass für die Aufnahme ins Referendariat noch mehrere Behördengänge zu erledigen waren (damit hätten wir den Jura-Bezug hergestellt). Für die Beantragung des Führungszeugnisses suchten "wir" das Bürgeramt Wedding auf und wurden mit einem Blick auf Glanz und Elend des sozialdemokratischen Gemeindebauwesens belohnt. Der Bauhausfetischist durfte sich am Anblick des 1928-1930 im Stil der Neuen Sachlichkeit erbauten Rathauses Wedding erfreuen, um sogleich durch einen potthässlichen Sechzigerjahre-Ergänzungsbau in Depressivgrau enttäuscht zu werden. Im Wartesaal des Bürgeramt konnte dann gleich noch die gute Tat für diesen Tag abgestaubt werden, indem wir einer Frau mit polnischem Migrationshintergrund beim Ausfüllen des Meldeformulars halfen: "Äh, die fragen hier nach ihrer Religionszugehörigkeit." (Leicht empört:) "Römisch-katholisch." (Oh, Entschuldigung! wie konnte ich das nur infragestellen?)

Interessant für den soziosensiblen Betrachter war auch das "Straßenbild". Auffällig ist die hohe RentnerInnendichte, an deren Kleidung man auch deren kleinbißchen Rente ablesen kann. Wäre da nicht die wuselige Müllerstraße, wähnte man sich in einer ostdeutschen Kleinstadt mit Demografieproblem. Im Gegensatz zum Klischee war die Gegend keineswegs ein "hartes Pflaster". Artig wird die Kippe in den kleinen Straßenaschenbecher (der kleine Kuller links oder rechts in der Mülleimeröffnung) geworfen und höflich hilft der ältere Herr mit türkischem Migrationshintergrund der etwas kleineren Omi im Woolworth ("Könn'se mir ma bitte die Feuerzeuge da runterholen? Nee, die zweeten von rechts.")

Der zweite Halt in unserer Berlintournee war ein bürgerlicher Bezirk im tiefsten Westberlin, wo die Straßen und Plätze nach staatlichen Zwangsanstalten, den verlorenen Ostgebieten oder Ermächtigungsgesetzzustimmern heißen. Eine Flamme mahnt uns mit "Nie wieder Vertreibung". "Nie wieder Krieg" würde ja auch am Opferstatus rütteln.

Ganz zur Bestätigung unserer Vorurteile waren die BehördenmitarbeiterInnen hier zwar nicht im Ton, aber bürgerunfreundlich: "Guten Tag, ich brauche eine ...bescheinigung, n' Formular (*vorzeig*) hab' ich schon." Wie, haben sie schon, Sie wollen eine ...bescheinigung und haben schon ein Formular? Das geht doch gar nicht." Dass es doch geht wird in Form des Formulars eingehend bestaunt. Und auch bei der nächsten Stelle wünscht man sich ein ein ganz klitzekleines bißchen den Autoritarismus des preußisch-deutschen Kaiserreichs oder der DDR zurück: Da, andere Behörde will, dass ihr das ausfüllt. Nicht lange fragen, machen! Nee, stattdessen müssen wir unsere (Nicht-)Erwerbsbiografie nacherzählen und eine kurze EInführung in den Ablauf der JuristInnenausbildung ("Und was sind'se jetzt?") und die Rechtsnatur des Referendariats ("Is' das 'ne Ausbildung?") geben. Aber das haben wir auch überlebt.

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