Sonntag, Januar 13, 2008

Die Freiheit der Nichtdenkenden

Mit StalinistInnen auf der Liebknecht-Luxemburg-Demo

Als ich 2002 das erste mal auf einer LL-Demo in Berlin war, hat mich der Anblick von Stalin-Portraits noch überrascht und ziemlich geschockt – vermutlich eine etwas naive Reaktion. Ein Gewöhnungseffekt ist jedoch auch bisher nicht eingetreten, und so habe ich heute endlich mal ein paar von den Leuten gefragt, was das eigentlich konkret bedeuten solle. Denn, ganz unter uns, die „Freiheit der Andersdenkenden“ hat mit staatlichen Säuberungsaktionen ja irgendwie nicht so ganz viel zu tun, verträgt sich sogar eher schlecht, oder? Und eine Politik, der es irgendwie um den Menschen und ein gutes Leben geht, müßte doch mit der Deportation und Tötung von Millionen vermeintlicher politischer GegnerInnen zumindest ein kleines Problem haben, dachte ich mir. Daher mein persönliches Fragezeichen: Gehen die Leute, die Stalin-Abbildungen tragen, von niedrigeren Opferzahlen aus? Oder meinen sie, es habe die Richtigen getroffen?

Also sprach ich einen der Träger eines TKP/ML(Türkische Kommunistische Partei/Marxistisch-Leninistisch)-Transpis, auf dem Portraitfotos von Marx, Lenin, Luxemburg und Stalin abgebildet waren, an, ob ich ihn was dazu fragen dürfe, was er bejahte. Okay, wie fragen, ohne zu provozieren? Schwierig. Erstmal eine einleitend-dumme Frage, ob dieses Transpi denn bedeuten würde, daß sie die Politik von Stalin gut finden würden. Seine Reaktion: Ja, und bevor ich über Stalin rede, müsse ich ganz viel wissen, vor allem, daß ich gar nicht hier wäre, wenn Stalin nicht gewesen wäre. Hm, aber Stalins politisches Werk war ja jetzt nicht ausschließlich durch den Krieg gegen Nazi-Deutschland gekennzeichnet. Und es läuft doch auch niemand mit Churchill- oder Roosevelt-Plakaten 'rum, da muß doch noch mehr sein. – Nun, diese Fragen konnte ich dem guten Mann nicht mehr stellen, genauer gesagt durfte er sie nicht beantworten. Weil er nach ca. einer halben Minute des Redens mit mir von einer Frau angesprochen wurde, die ihm offensichtlich bedeutet hatte, nicht mit mir zu reden. Er verlor die gutmütig-onkelhafte Miene, die er vorher noch gezeigt hatte, und wollte nichts mehr sagen. Das fand ich ziemlich schräg und vergewisserte mich daraufhin bei der Frau, ob sie ihm gerade befohlen habe, nicht mit mir zu reden. Ja, sie sei nämlich für die Leute und das Transpi verantwortlich, und ich würde hier provozieren. Und sie seien auf einer Demo, da ginge es nicht darum, zu diskutieren. Das verwunderte mich dann ein wenig, denn immerhin haben Demos ja mit der Kundgabe politischer Meinungen zu tun, und da sollte es doch noch drin sein, auf Fragen zu antworten, wenn mensch sich so eindeutig positioniert. Nein, das sah die Frau nicht so, und es sei ja auch mit der Demo-Plattform abgestimmt, daß es diese Plakat gibt. Oha, eine offizielle Entscheidung! Interessant – ebenso wie die personelle Struktur des Grüppchens um das Transpi herum: hauptsächlich Männer, mit Migrationshintergrund, so 40 Jahre aufwärts. Die Frau, die ihn angepfiffen hatte, schien die einzige Angehörige der Mehrheitsgesellschaft zu sein und war deutlich jünger. Sie hatte wohl eine nicht nur koordinierende, sondern anleitende Rolle – danach zu urteilen, wie sie mit den Leuten sprach. Eine Art Kindergärtnerin. Jedenfalls stimmte der Transpi-Träger dem zu, dass eine Demo kein Ort für Diskussionen sei. Wenn ich morgen zu ihm nach Hause käme, könnte er mir das erläutern, aber so auf der Demo nicht. Ich kann ziemlich hartnäckig und auch neugierig sein, insofern schlug ich diese Angebot nicht aus, sondern erkundigte mich nach Wann und Wo. Das wollte er mir dann noch nicht verraten, ich solle nach der Demo nochmal wiederkommen, dann könne er mir das sagen. Auch die Kindergärtnerin hielt das für eine gute Lösung, denn jetzt müsse ja das Transpi getragen werden. Ich würde sie später schon noch finden, ich wüßte ja: da, wo ich Stalin sehe, da sind sie dann.

Gesagt, getan, doch leider: mein Gesprächspartner war nicht mehr zu finden. Dabei wollte ich mich doch mit ihm verabreden! Was für ein dummer Zufall aber auch. Dafür war die Kindergärtnerin natürlich noch da, sie war ja die Chefin, und sie hatte dann auch „ein paar Minuten für Dich Zeit“. Danke, Gnädigste. Also habe ich schnell meine eigentlichen Fragen abgespult, lange unterhalten wollte ich mich mit dieser Person nicht unbedingt, aber es interessierte mich doch: Niedrigere Opferzahlen oder legitime Opfer oder was? Ihre Zeit reichte dann doch noch dafür aus, mir einen kleinen Sermon davon vorzutragen, daß das ja alles nicht von Stalin befohlen worden war und auch die Zahlen niedriger waren und das alles westliche Schlechtmacherei sei und die Sowjetunion nach 1956 reaktionär usw. (Mögen alle existenten oder nicht existenten Gottheiten verhindern, daß ich jemals auf unbequeme Fragen so phrasenhaft und ausweichend reagiere!) Aber jetzt müßten sie gehen, und damit war Abmarsch. Da das ganze ja so verflixt schwammig war, versuchte ich noch, ein bißchen nachzuhaken – einfach um ihre Antwort irgendwie für mich selbst bewerten zu können, zwischen den Polen „völlig palle“ und „ja, das ist tatsächlich historisch nicht geklärt“. Aber da stand dann relativ schnell eine Reihe von Männern zwischen mir und ihr, die mir – verbal und non-verbal – mitteilten, daß es jetzt genug sei. Und das fand ich dann auch. (An diese Security-Gruppe: So gefährlich bin ich gar nicht, glaube ich, körperliche Abwehr fand ich ein bißchen übertrieben.)

Tja, und was hat das Ganze gebracht? Ein bißchen Luft, und es hat mir auch meine Empörung nochmal klarer gemacht: Natürlich gibt es alle möglichen seltsamen kleinen Gruppierungen mit fragwürdigem oder explizit beschissenem Profil, über die sich aufzuregen es die Mühe nicht wert ist. Aber wenn nicht nur eine historische Verharmlosung von staatlich organisiertem Unrecht betrieben wird, sondern weiterhin solche klaren Befehlsketten gepflegt werden, wenn auch heute noch abweichende Meinungen von der Basis gar nicht und von der Chefin nur der Form halber zugelassen werden dürfen, und wenn um der Größe der Demo willen die Inhalte solcher Gruppen auf einer Luxemburg(!)-Demo geduldet werden, wenn also die Nähe zu Egal-wem gesucht wird, unabhängig davon, was das mit der Idee macht –

dann ist das doch eher zum abgewöhnen.

1 Comments:

Anonymous Karl Walther said...

Dit mit den Stalinisten nervt mich och schon seit Jahren. Deshalb geh ick erst nach dem Brimborium nach Friedrichsfelde, wenn die Wurstbuden abgebaut sind. Dann nehm ick mir von olle Ulbrichts Grab nen schönen Strauß mit nach Hause. Immer ne Freude.

1/14/2008 7:54 nachm.  

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