Montag, Februar 18, 2008

Sinnlose Gewalt, Piraten und Berlinale

Bumm. Der am Boden liegende Dealer wird von dem Polizisten hingerichtet, die Gewaltorgie ist zu Ende. Abspann. Alle klatschen. Außer uns.

Meine Begleiterin und ich waren uns einig: Gut war der Film „Tropa de Elite “ von José Padilha keinesfalls. Die brutale Gewalt, mit der Elitepolizeitruppe von Rio de Janeiro gegen Drogendealer vorgeht wurde zwar ungeschminkt gezeigt, aber keineswegs kritisiert. Im Gegenteil, Hauptmann Nascimiento rechtfertigt aus dem Off, warum das alles nötig ist: Wenn wir sie nicht zuerst erschießen, erschießen sie uns und die Zeugen reden doch nicht, wenn sie nicht gefoltert werden. Und der Job ist eh nur was für ganze Männer, also solche wie ihn.

Zwei Tage lang erzählte ich allen meinen FreundInnen wie schlecht der Film sei, wie unkritisch mit der Gewalt umgegangen wird, wie sehr die eigentlichen Gewinner des Drogenhandels ausgeklammert werden – und vor allem ihre Verstrickung mit der Politik.

Bis ich einen Freund traf, der total begeistert von der Tatsache war, dass der Film den Goldenen Bären gewonnen hatte. Seine Begeisterung zielte gar nicht auf das Werk selbst, das er in Teilen für „nicht so gelungen“ hielt (wie zum Beispiel die Hinrichtungsszene zum Schluß), aber so sagte er, die brasilianische Polizei habe versucht, den Film verbieten zu lassen. Doch 11 Millionen Leute in Brasilien hätten die Piratenversion des Films gesehen, die vorab im Internet zu haben war und deshalb wäre der Film nicht mehr zu stoppen gewesen.

Tief im Zweifel ging ich erst mal googeln und fand heraus, dass der Regisseur diesen Film im Kontext seines ersten Werks verstanden wissen wollte: In dem Dokumentarfilm „Ônibus 174“ ergründete Padilha 2002 den
Lebensweg von Sandro do Nascimento, einem afrobrasilianischen Jugendlichen, der in Rio einen Linienbus entführt und eine Frau umgebracht hatte. Dann wurde er selbst erschossen. Padilha deckte damals auf, dass Sandro do Nascimento der einzige Überlebende eines Massakers der Polizei an einer Gruppe Straßenkinder gewesen war. Jetzt wollte er die andere Seite zeigen, deshalb trügen die Figuren auch den gleichen Nachnamen.

Tja, schade, dass sie „Ônibus 174“ nie auf der Berlinale gezeigt haben. Aber wir können wohl davon ausgehen, dass das brasilianische Publikum den Dokumentarfilm kannte und ein guter Teil der 11 Millionen Piraten vor diesem Hintergrund Padilhas neues Werk sehen wollten. Ich habe jedenfalls beschlossen, von jetzt ab keine Meinung mehr zu dem Film zu äußern.

Das eigentlich gewinnbringende Ergebnis meiner Recherchen aber war dieser Beitrag von Gunda Meyer im Menschenrechtsmagazin 2005 zu Polizeigewalt in Brasilien:
Manchmal hilft eben nur Lesen.

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