Montag, Oktober 12, 2009

Das Auge ißt auch mit

Am wochenende war ich auf einer tagung des Forums Justizgeschichte, einer so ungefähr links-liberalen vereinigung, die sich kritisch mit der zeitgeschichte der deutschen justiz beschäftigt. Nach dem ersten abend fragte ich mich, ob es unter umständen sein könne, daß die wenigen jüngeren teilnehmerinnen – mich eingeschlossen – von den älteren teilnehmern, die den großteil der anwesenden darstellten, etwas, nunja, altväterlich behandelt werden. Das bild „nette junge frau“ liegt ja oft sehr nah am „süßen kleinen mädchen“. Oder ob mein eindruck falsch sei und ich in die verhaltensmuster etwas hineinprojizierte, das nicht drin war. Eine kleines indiz erhielt ich am folgenden tag:

Unter der rubrik organisatorisches wies die tagungsleitung darauf hin, daß ein im programm aufgelisteter prof nicht referieren würde. Er werde jedoch durch seine mitarbeiterin vertretern. Diese frau, ca. 25 jahre unterhalb des altersdurchschnitts, war bereits anwesend und somit sichtbar. Sichtbar auch für einen mir bis dahin unbekannten herrn – eher im durchschnittsalter der tagung – der zwei plätze rechts von mir saß und die personelle änderung kommentierte mit: „Die ist ja auch viel netter anzugucken.“

Meine geistige kinnlade klappte hinunter, so etwas unverfrorenes hatte ich dann doch nicht erwartet. In irgendeinem mainstream-konservativen jura-kreis vielleicht schon, aber nicht bei einem verein, der innerhalb der juristischen landschaft ziemlich progressiv ist. Obwohl es also wirklich weh tat, verschob ich diskursive maßnahmen auf später, ich wollte ja nicht stören. Und fragte mich derweil, wer der herr denn sein möge und ob es zulässig sei, von seiner äußerung auf die allgemeine atmosphäre im Forum zu schließen. Ein neben mir sitzender freund konnte mir weiterhelfen: Der betreffende herr, der den hübschen kommentar gemacht hatte, war niemand anders als –
Ingo Müller.

(Zur erklärung: Ingo Müller ist eine autorität. Er ist autor des buchs „Furchtbare Juristen. Die unbewältigte Vergangenheit unserer Justiz“, eines der ersten und extrem wichtigen werke, das die aktiv unterstützende rolle der justiz im nationalsozialismus darstellt. Außerdem ist er jura-prof und im vorstand des Forums Justizgeschichte.)

Am folgenden tag sprach ich ihn tatsächlich noch auf seine äußerung an. Er schien mich ernstzunehmen, aber nur bedingt zu verstehen, denn er hatte die bemerkung natürlich nicht „so gemeint“. Seine deutung, daß ich da vielleicht sehr empfindlich sei, fand ich allerdings wenig hilfreich – noch weniger die intervention eines daneben stehenden, ebenfalls älteren teilnehmers, der sich darüber beschwerte, daß frauen da heutzutage generell sehr empfindlich seien und man gar keine bemerkungen mehr über ihr äußeres machen dürfe, weder positive noch negative.
Der rest meiner anerzogenen höflichkeit verbat es mir, dem hinzugekommenen die gegenfrage zu stellen: Ob er ernsthaft wollen würden, selber nach seinem aussehen beurteilt zu werden. Ebensowenig wies ich ihn darauf hin, daß dafür – schon aus gründen der chancengleichheit – die entsprechende altersdifferenz zwischen der betrachtenden und der betrachteten person hergestellt werden, ergo er sich den bewohnerinnen eines seniorenwohnheims zur beurteilung präsentieren müsste.

Aber wie gesagt, von Müller fühlte ich mich wenn auch nicht verstanden, dann immerhin ernstgenommen, was einen teil meines seelenfriedens wieder herstellte und was ich wirklich zu schätzen weiß. Um es deutlicher auszudrücken: Ich finde erlebnisse dieser art nicht sonderlich witzig. Sexismus ist nicht witzig. Es gibt viel gravierendere formen davon, aber auch die oft als harmlos eingestufte ausdrucksform in gestalt von sprüchen ist ein beitrag zum gesamtproblem und schafft voraussetzungen für andere, massivere formen. Und wenn ein älterer mann bei einer deutlich jüngeren frau, die er nicht kennt und die ihm nicht in einem privaten, sondern in einem wissenschaftlichen kontext begegnet, quasi automatisch ihr äußeres begutachten und das ergebnis seiner einschätzung artikulieren darf, dann zeigt diese situation eine subjekt-objekt-hierarchie, über die nachgedacht werden sollte.

7 Comments:

Anonymous Anonym said...

es ist natürlich vollständig klar, dass das ein fall von alltags-sexismus war, den viele gar nicht erst wahrnehmen. umso wichtiger ist es ja gerade ihn anzusprechen, die reaktionen sind häufig völliges unverständnis, abwehr oder tatsächlich ein bisschen einsicht, so wie bei ingo müller.
letzlich,ist es eine frage der zivilcourage so etwas anzusprechen, letztlich mache ich es selbst viel zu selten - schade!

10/13/2009 12:21 nachm.  
Anonymous Anonym said...

besonders wirkungsvoll ist es, wenn männer so was ansprechen. den richtigen ton zu treffen ist dabei allerdings nicht leicht, wohl eine frage von gespür - und übung.

10/14/2009 11:45 vorm.  
Anonymous Anonym said...

ich bin ebenso enttäuscht zu entdecken, dass auch im nicht konservativen kritischen Juristenumfeld sexistische Äußerungen einer Zusammenarbeit und ernstzunehmenden Disskusion oft im Wege stehen. Frau ist zu gern das junge Häslein. Es ärgert mich sehr und schon oft habe ich mich und meine Person dafür verantwortlich gemacht!Falsch!!! Deswegen Respekt vor deiner Zivilcourage auch vor solchen wichtigen Herren..

10/17/2009 10:47 nachm.  
Anonymous Kristina Tiek said...

Hallo liebe Autorin, den Hinweis hab ich angenommen und den Beitrag nun gelesen. ;-)

Ich gehe auch darin mit, dass es ein Quatsch ist, bei einem wissenschaftlichen Kongress die Beurteilung eines Vortrags zunächst nach Geschlecht und Aussehen vorzunehmen; einfach, weil es sachfremd ist. Als hätte die Frau sich schick gemacht, um der versammelten Altherrenrunde zu gefallen und nicht, um in angemessenem Stil einen Vortrag zu halten.

Gleichzeitig beschleicht mich der Eindruck, dass Du tatsächlich das Kundtun eines Geschmacksurteils über Leute schon als einen Skandal erachtest. Oder täusche ich mich? Sich die Frage vorzulegen, ob mir ein Mensch optisch gefällt und das zu entäußern, ist dem Grunde nach zwar meist albernes Biertischgeplapper wie sich über GZSZ oder Popmusik zu unterhalten. Und klar ist dann das Objekt des Geschmacks ein Objekt...aber darin könnte ich zum einen keinen Schaden für die Person entdecken und zum anderen keinen Sexismus. Im Gegenteil: Wenn das wechselseitige Gefallen in ein wechselseitiges Benutzen - als Objekte, na und? - zur Steigerung körperlichen Wohlbefindens mündet, dann ist das was feines, aber kein Sexismus.

Sondervotum werde ich übrigens mal abonnieren! :-)

11/01/2009 1:49 nachm.  
Anonymous Thomas Henne said...

Als Mitglied im Beirat des Forums Justizgeschichte hätte mich interessiert, ob es Berichtenswertes von der Tagung jenseits des Alters der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und der Bemerkung von Ingo Müller gab - dies auch deshalb, weil ich an der Tagung nicht teilnehmen konnte.

Ob das Forum Justizgeschichte "so ungefähr links-liberal" ist, wie Sie schreiben, läßt sich aus meiner Sicht in dieser Allgemeinheit weder bestätigen noch widerlegen.

Das Nachdenken über "Subjekt-Objekt-Hierachien", das Sie am Ende Ihres Textes einfordern, ist im übrigen sinnvoll und wichtig - nur gibt die von Ihnen kritisierte Äußerung dazu möglicherweise wenig bis gar nichts her, zumal wenn man darüber nachdenkt, die Äußerung auch unter dem Blickwinkel der Selbstironie zu betrachten.

11/03/2009 6:05 vorm.  
Anonymous Anonym said...

@kristina tiek: das etwas befremdliche "wechselseitige benutzen" jetzt mal außen vor - es ist schon ziemlich realitätsblind, in dem kommentar nur ein ganz neutrales "Kundtun eines Geschmacksurteils über Leute" zu sehen. es ist ja kein zufall, dass sich in aller regel männer so über frauen äußern. und es ist auch keineswegs folgenlos: der "Schaden für die Person" besteht darin, dass sie in erster linie als sexualobjekt und höchstens in zweiter linie als wissenschaftlerin wahrgenommen wird.

@thomas henne: vielleicht sollten sie sich einmal mit der funktion des scherzes auseinandersetzen. sexismus kommt sehr oft als witziger spruch daher und wird deswegen nicht besser.

11/03/2009 11:10 vorm.  
Anonymous Die autorin said...

Liebe Kristina,
geschmacksäußerungen können durchaus okay und schön usw. sein, klar. Kommt auf die situation und konstellation drauf an: Spiel doch mal auf der seite der betrachtenden und der betrachteten person mit den koordinaten alter und geschlecht herum und überlege Dir, in welcher konstellation (jüngere frau äußert sich über älteren mann, älterer mann über jüngeren mann, sehr alte frau über mittelalten mann, ...) es wie wahrscheinlich ist, daß so ein spruch überhaupt gemacht wird bzw. wie er aufgefaßt würde und was das alles über den realen kontext aussagt, in dem wir uns bewegen.

Mit wechselseitigkeit hatte der spruch und die gesamte situation eben so gar nichts zu tun. Was Du erwähnst, gehört gerade zu den blöden und traurigen seiten von sexismus: daß durch vorhandene machtverhältnisse ein entspannter und spaßbringender umgang miteinander behindert wird.

P.S. Mein name ist Ulrike Müller, damit sich hier niemand über die einseitige anonymität dieses blog-eintrags beschwert.

11/04/2009 10:14 vorm.  

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