Dienstag, Dezember 18, 2007

Guantanamo auf Griechisch

Eine Buchvorstellung

Als im Juni 2002 im Hafen von Piräus eine Bombe vorzeitig in der Hand von Savvas Xiros explodiert und ihn schwer verletzt, wird das Ende einer Ära eingeleitet: 27 Jahre lang war die „Revolutionäre Organisation 17. November“ (kurz: 17N) in Griechenland aktiv, ohne dass je eines ihrer Mitglieder gefasst worden wäre. 17N war verantwortlich für etliche Anschläge mit Bomben und Panzerfäusten auf in- und ausländische Institutionen, Attentate auf Folterer der Militärjunta, griechische Politiker und Industrielle sowie US-amerikanische, britische, deutsche und türkische Geheimdienstagenten und Diplomaten. Mitglieder des 17N erschossen u. a. den CIA-Chef in Athen.

Der Schwerverletzte Xiros wird in die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert, an Händen und Füßen auf das Krankenbett gefesselt und zunächst tagelang vollständig von der Außenwelt isoliert. Ihm werden Psychopharmaka per Tropf eingeflößt und er wird intensiv verhört. Der Kontakt zu einem Anwalt oder seiner Familie wird ihm versagt. Unter dem Druck seiner schweren Verbrennungen und Verletzungen (er ist durch die Explosion u. a. seh- und hörgeschädigt) und der durch die Drogen hervorgerufenen Wahnvorstellungen spricht Xiros. Was er aussagt, ist eine Mischung aus ihm abgepresstem Wissen und ihm vorgegebenen Suggestionen. Auf Basis dieser „Informationen“ kommt es zu weiteren Verhaftungen. Die neu verhafteten werden ebenfalls isoliert und mit verschiedensten Methoden zu Aussagen gepresst.

Die meisten dieser Aussagen werden später im Prozess zurückgezogen, die Angeklagten widersprechen vehement ihrer Verwertung. Da aber die Indizien in dem Verfahren knapp sind, stützt sich die Verurteilung in 1. und 2. Instanz wesentlich auf diese mit verbotenen Methoden erlangten Aussagen. Mehrere Angeklagte werden zu mehrfach lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Der schwerkranke und pflegebedürftige Savvas Xiros wird trotz aller Anträge auf Haftverschonung bis heute weiter gefangen gehalten.

Savvas Xiros hat im Gefängnis ein Buch verfasst über die medizinisch-psychologische Folter, der er während der ersten zwei Monate auf der Intensivstation ausgesetzt war. Unterbrochen von einzelnen Stationen aus seinem früheren Leben, beschreibt er die Ängste, Schmerzen, Wahnvorstellungen und Suggestionen, denen er ausgeliefert ist.

Ich bin von der Idee durchdrungen, das man mich verschwinden lassen will. Ich kämpfe weiterhin mit den Psychopharmaka, im Chaos versunken, von drohenden Schatten umgeben, unter Atemnot, dem Gelb, das mir den Boden unter den Füßen entzieht, den Stricken und diesem Pfeifen, der Musik, die mir das Hirn durchlöchern. Wenn eine Flasche zuende ist, gibt es eine kurze Pause, bis die nächste am Tropf aufgehängt wird. Dann weichen die Gase zurück, mildert sich die Atemnot und die Gedanken verzetteln sich nicht so sehr.“

Xiros schreibt mit der erst im Nachhinein gewonnenen Klarheit über die Vorgänge, aber mit der Qual des gegenwärtig Gefolterten. Die Unmittelbarkeit seiner Beschreibungen hat die hervorragende Übersetzerin Heike Schrader auch ins Deutsche herübergerettet. Der Alptraum erhebt sich aus den Buchseiten, um uns einzufangen.

Das bei Buch ist lesenswert, nicht nur weil es die Brutalität der modernen medizinisch-psychologischen Folter plastisch macht, sondern auch weil es Fragen mit Sprengkraft aufwirft: Savvas Xiros ist kein Unschuldiger, er wurde auf frischer Tat gefasst und hat seine Mitgliedschaft in 17N nie geleugnet. Deshalb haben Bürger- und Menschenrechtsorganisationen sich schwer getan, die Folterung und die Verwertung der Erkenntnisse im Prozess anzuprangern, obwohl die Umstände in Griechenland seit langem bekannt sind. Zu gross war die Angst, als Sympathisanten oder Unterstützer des 17N diskreditiert zu werden. Was aber nützt ein Folterverbot, das nicht absolut gilt? Wem wollen wir die Definition überlassen, wer ein „Terrorist“ ist und misshandelt werden darf? Zumal auch in diesem Fall bis zur rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung hätte gelten müssen. Das Buch macht deutlich, dass der Kampf gegen die Folter in allen Fällen geführt werden muss, gerade auch in den unbequemen, in den Fällen der Schuldigen. Sonst haben wir ihn schon verloren.

Savvas Xiros „Guantanamo auf Griechisch – Zeitgenössische Folter im Rechtsstaat“, übersetzt von Heike Schrader, Verlag: Pahl Rugenstein, 130 Seiten, 13,90 Euro.

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